VON DR. MEIKE BÖKEMEIER
Vor zehn Jahren war es eher die Ausnahme, dass Dreijährige noch Windeln trugen. Heute ist es häufig umgekehrt. In meiner Praxis führe ich inzwischen täglich Gespräche mit Eltern von Drei-, Vier- oder sogar Fünfjährigen, die noch nicht trocken sind – obwohl keine medizinischen Gründe dagegen sprechen.
Das wirft Fragen auf:
Wann ist der richtige Zeitpunkt?
Sollte man warten, bis das Kind „Interesse“ zeigt?
Oder übt man damit Druck aus?
Was Kinder körperlich können
Aus medizinischer Sicht spüren die meisten Kinder mit etwa anderthalb bis spätestens zwei Jahren sehr genau, wann sie Wasser lassen oder Stuhlgang haben. Sie können dieses Bedürfnis in der Regel auch mitteilen – verbal oder nonverbal.
Wenn ein Kind sich zum Beispiel für den Stuhlgang in eine Ecke zurückzieht, zeigt das: Es merkt, dass „etwas kommt“. Wenn es sieben Schritte in die Ecke gehen kann, kann es auch den Weg zur Toilette schaffen.
„Es kann das noch nicht“ bedeutet daher häufig eher: Es will (noch) nicht – oder die Erwachsenen sind unsicher, wie sie den nächsten Schritt begleiten sollen.
Partizipation heißt nicht Entscheidungsfreiheit
Kinder ernst zu nehmen ist richtig und wichtig. Sie dürfen mitentscheiden – zum Beispiel, ob sie das rote oder das blaue T-Shirt anziehen möchten.
Aber sie können nicht entscheiden, ob sie Kleidung tragen oder wann gegessen wird.
Genauso ist es beim Thema Windel: Die Entscheidung, wann die Windel abtrainiert wird, treffen die Eltern. Das Kind darf mitgestalten – etwa ob es im Sitzen oder mit einem Toilettensitz gehen möchte – aber nicht, ob es grundsätzlich in Windeln bleibt.
Wenn Eltern sagen: „Wir haben es mal versucht, aber er wollte nicht“, dann signalisiert das dem Kind, dass die Entscheidung noch verhandelbar ist. „Versuchen“ bedeutet aus Kindersicht: Es gibt eine Wahl. Klare, liebevolle Führung gibt hingegen Sicherheit.
Ohne Druck – aber mit Klarheit
Trockenwerden sollte positiv besetzt sein. Es geht nicht um Wettbewerb und nicht darum, das „schnellste“ Kind zu haben.
Aber: Wenn die Entscheidung gefallen ist, sollte sie konsequent umgesetzt werden. Zum Beispiel:
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Ab heute tagsüber keine Windel mehr.
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Regelmäßige Toilettengänge einplanen.
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Erfolge feiern – mit Lob, High Five oder kleinen Aufklebern.
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Kleine Rückschläge gelassen sehen.
Motivation, Humor und gemeinsames Feiern helfen oft mehr als große Geschenke. Kinder wachsen an Erfolgserlebnissen – und am Vertrauen der Eltern: „Ich traue dir das zu. Du schaffst das.“
Bequemlichkeit hat Folgen
Windeln sind heute sehr komfortabel – für Kinder und Eltern. Doch langfristig kann dauerhaftes Zurückhalten von Stuhlgang zu Verstopfung, Bauchschmerzen oder schmerzhaften Analrissen führen.
Hinzu kommen praktische Aspekte: hohe Kosten, Umweltbelastung und nicht zuletzt die Situation vor der Einschulung. Eine Grundschullehrerin kann und darf keine Windeln wechseln.
Autonomie fördern
Trockenwerden ist ein wichtiger Entwicklungsschritt in Richtung Selbstständigkeit. Kinder wollen groß werden – auch wenn Veränderung ihnen zunächst schwerfällt. Gerade mit zwei Jahren gelingt dieser Übergang oft leichter als mit drei oder vier, weil Gewohnheiten noch weniger verfestigt sind.
Wenn ein gesundes Kind mit drei, vier oder fünf Jahren noch Windeln trägt, lohnt sich ein ehrlicher Blick:
Wer zögert eigentlich – das Kind oder die Erwachsenen?
An der Anatomie der Kinder hat sich in den letzten Jahren nichts verändert. Was sich verändert hat, ist unser Umgang mit Grenzen, Entscheidungen und Bequemlichkeit.
Kinder brauchen Ermutigung, klare Rahmenbedingungen und das Gefühl:
Meine Eltern führen mich sicher durch den nächsten Entwicklungsschritt.
Und genau das können sie.